Berichterstattung unter Trump
Alle sind ausgelaugt

Früher haben wir über Autokraten berichtet, die unsere Meinungsfreiheit einschränken. Jetzt können wir uns schon glücklich schätzen, ohne Probleme in die USA einreisen zu dürfen. Redaktionen brauchen in den nächsten vier Jahren Trump gute Nerven. Und eine Strategie.
Journalistinnen und Journalisten sind derzeit nicht zu beneiden. Jede Woche eine neue Meldung, jede Stunde eine Nachrichtenrakete, die theoretisch vor unserem Smartphone-Bildschirm explodieren könnte. Viele sind erschöpft - und das haben sie vor allem einer Person zu verdanken, die nicht nur ihr eigenes Land, sondern alle liberalen Demokratien Europas gerade in Atem hält: Donald Trump. Ja, Trump hat uns mental gut im Griff. Denn er verfolgt eine von einem Thinktank als sog. „Project 2025“ entwickelte perfide Strategie, die Öffentlichkeit mit einer Vielzahl von präsidialen Erlassen und Nachrichten zu fluten, sodass kritischen Stimmen förmlich die Luft ausgeht. Manchmal wäre es vielleicht besser, gar nicht auf seine Äußerungen zu reagieren. Vieles können wir aber auch nicht einfach so stehen lassen. Redaktionen müssen falsche Behauptungen widerlegen, Stellung beziehen. Die neuesten Meldungen machen es nicht besser: Gerade erst wurde ein Journalist des „Atlantic“ von Trump als Widerling beschimpft. Im gleichen Zug wurde seinem Magazin ein baldiges Ende prophezeit.
Es wird immer absurder und es gibt keine Hoffnung auf schnelle Besserung. Bloß abzuwarten und darauf zu hoffen, dass sich das Gewitter in vier Jahren verzogen hat, ist keine Lösung, denn der Umbau des amerikanischen Staatsapparates vollzieht sich in atemberaubender Geschwindigkeit. Je gründlicher sich Redaktionen daher aufstellen und Strategien entwickeln, umso besser. Doch was kann getan werden?
Zu nennen ist einmal die Demaskierung der Trump´schen Fernsehauftritte als inszenierte Shows eines absolutistischen Sonnenkönigs, der umringt ist von seinen Paladinen. Was bei diesen zählt, ist nicht deren fachliche Kompetenz und Berufserfahrung, sondern ausschließlich ihre devote Loyalität. Wichtig ist ferner die Entzauberung der Motive des Hexenmeisters: Trump geht es nicht um das Gemeinwohl und den sozialen Ausgleich in der Gesellschaft, sondern um die Unterstützung durch die Superreichen und die Vermehrung seines persönlichen Wohlstands. Das Foto seiner Amtseinführung auf dem Kapitol mit den illustren Milliardären belegt dies hinreichend.
Wir dürfen uns nicht treiben lassen, müssen mit breiter Brust unsere demokratischen Werte verteidigen, Freunden die Hand reichen. Wir können das machen, denn wir brauchen keine Sorge zu haben, für unsere Meinung verhaftet und eingesperrt zu werden. Die Menschen, die in den USA leben, dürfen wir nicht mit Trump gleichsetzen. Viele Journalistinnen und Journalisten dort leiden unter der derzeitigen Situation und werden in Zukunft unsere Unterstützung benötigen. Nicht nur unsere finanzielle, sondern auch unsere ideelle, emotionale Unterstützung: Wir sehen euch, wir supporten euch, wir verurteilen euch nicht.
Die Presse- und Meinungsfreiheit scheint bei einigen unserer Nachbarn und Freunden in Europa zu wackeln. Wir können in Deutschland nur daraus lernen und hoffen, dass es bei uns gar nicht erst so weit kommt. Unsere Großeltern konnten Erfahrungen sammeln, welche Auswirkungen staatlich und gesellschaftlich organisierter Hass und eine rassistische Ideologie haben. Diese Generation hat erlebt, wie ein angeblich von der „Vorsehung“ auserwählter Heilsbringer ein ganzes Volk in den Ruin trieb.
Friedrich Schiller hat seine Erfahrungen mit der Französischen Revolution in dem Gedicht „Das Lied von der Glocke“ mit folgenden Worten verarbeitet:
„Gefährlich ist´s den Leu zu wecken,
verderblich ist des Tigers Zahn,
jedoch der schrecklichste der Schrecken
das ist der Mensch in seinem Wahn.“
Wir haben vier Trump-Jahre Zeit, um eine Gegenstrategie zu entwickeln. Vier Jahre können verdammt lange, aber auch verdammt kurz sein. Zwischendurch sind wir wahrscheinlich des Öfteren mal ausgelaugt.
Ein Kommentar von Gina Schad